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Charlie Chaplin’s Poem about Love – Nepal 2011

by Andreas Koestler on 30/11/2011 Comments Off on Charlie Chaplin’s Poem about Love – Nepal 2011

Ganz persönlich – auf meinem Weg

Es sind die Kinderstimmen gerade in der Nähe, die mich wirklich erst in diese Welt eintauchen lassen. Ich sitze in einem farbenfrohen Zelt in der tropischen Nacht der fruchtbaren Ebenen im südlichen Nepal. Die erste Nachtfeuchte beginnt aufzusteigen aus dem wenigen und trockenen Gras, fast nur eine Ahnung der kommenden Nacht. Um die Lampen schwirren mehr und mehr Insekten, doch so weiss man wenigsten, wo sie sind. Ich versuche mich in diese Nacht hinein zu hören und zu spüren. Und wie immer geht die Reise auf eigenen Spuren, während sich die Umgebung aufzulösen scheint.

Charlie Chaplin hat zu seinem 70. Geburtstag folgende einleitende Worte geschrieben:

Als ich mich selbst zu lieben begann,

Habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,

zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin

und dass alles, was geschieht, richtig ist –

von da an konnte ich ruhig sein.

Heute weiss ich: Das nennt man Vertrauen.

Ich bin heute ganz in diese Töne und Gerüche eingetaucht. Ich habe sogar versucht den unmöglichen Verkehr auf der kurvenreichen Strasse entlang des reissenden Flusses einfach geschehen zu lassen. Wir sind gut angekommen. Ich bin jetzt hier. Ich stelle nicht einmal die Frage, ob ich am richtigen Orte bin. Ich fühle mich hier in der Wärme wohl, und habe schon angefangen die lichterlose Nacht zu geniessen. Doch ganz entspannt bin ich doch noch nicht. Noch so vieles geht durch den Kopf und will nach Antworten suchen. So wandere ich zurück in die Tage meiner Kindheit, damals als die Familie noch eine Einheit war, damals, bevor mein Bruder starb, damals, als noch ein kindliches Urvertrauen in mir war. Ich versuche mich da wieder hineinzuspüren, denn ich meine zu wissen, dass ich nur durch ein Wiedererkennen jener Zeit, meine Ruhe im Jetzt finden kann. Ich bin also noch weit entfernt von Chaplin’s Erkenntnis.

Er schreibt weiter:

Als ich mich selbst zu lieben begann,

Konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid,

Nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.

Heute weiss ich: Das nennt man authentisch sein.

Hier schon meine ich fast an meine Grenzen zu kommen. Emotionaler Schmerz habe ich wirklich erlebt, vor allem die letzten Jahre. Ich habe mich weiter und weiter hinausbewegt, habe neue Dimensionen erlebt, tiefe Liebe, Verlassensein, tiefe Freude, innere Trauer. Das emotionale Empfinden ist stärker geworden. Ich werde noch schneller zu Tränen gerührt, ich habe mehr Mühe bekommen beim Ansehen von Macht und Brutalität. Bin ich das wirklich. Die Antwort darauf erlebe ich oft im direkten Kontakt mit neuen Menschen, Studenten, neuen Kulturen. Für zwei Wochen arbeitete ich zusammen mit einem afghanischen Team weit im Norden ihres Landes, um die Risiken ihrer Dörfer zu kartieren, ihr Ausgesetzt-sein für Katastrofen. Wir sind uns unmittelbar nahe gekommen, wir haben mitenander Tee getrunken, während der Arbeit, draussen im Dorf auf dem farbigen Teppich, unterwegs bei Freunden. Irgendwie durfte ich spüren, dass sie mich als mich selber erleben, wenigsten ein Hauch von Authenzitität.

Weiter sucht Chaplin nach dem anderen Leben, das ich auch immer wieder meinte nicht zu finden, wenn er schreibt:

Als ich mich selbst zu lieben begann,

Habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen

Und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.

Heute weiss ich, das nennt man Reife.

Sind meine Reisen eine immerwährende Suche nach einem anderen Leben? Vielleicht war es einmal so, doch schon durch die Jahre habe ich versucht, ganz da zu sein, wo ich war. So denke ich zurück an die wenigen Stunden am indischen Ozean, im September in Mozambique. Da habe ich folgendes niedergeschrieben:

Hier am abendlichen Meer lass ich mich hineingleiten in die rollenden Gedanken, nur etwas erfrischt durch ein kühlendes Bier. Obwohl ich nur unterwegs war die letzten Tage, vor allem um hier her zu kommen, sind es doch die kleinen Kontakte, die kurzen Gespräche, die Spuren hinterlassen. Immer wieder muss ich mir selber eingestehen, dass ich mich wohl fühle in der Wärme dieses Kontinentes. Doch auch immer wieder werde ich erneut herausgefordert durch die Lasten dieser Völker, dieses zu wenig, und jenes zu viel.

Spärlicher Regen und allzu ausgedehnte Trockenheit hat den östlichen Rand des Kontinentes wiederum in unser Bewusstsein gebracht. Die Menschen werden ausgehungert durch fehlendes Regieren, durch fehlende Sicherheit, durch Korruption und Krieg. Dürren und Hunger melden sich über Jahre hinweg und immer noch schaffen wir es nicht, frühzeitig unsere Kreativität und Energie so einzusetzen, dass das Schlimste verhindert werden kann. Warum? Warum sind wir gewillt all das Geld hinzulegen, wenn es bereits zu spät ist, doch wir weigern uns, den sich wiederholenden Rhythmus eines Landes, einer Gegend wirklich wahrzunehmen. Was sind die Kosten einer Bewässerungsanlage, eines Brunnens, einer Baumpflanzung, gegnüber eines einzigen Flugzeugs gelastet mit einigen Tonnen Lebensmittel.

Während sich die Sonne langsam zwischen die Palmen schmiegt suchen die Gedanken nach neuen Ansätzen, nach noch nicht gedachten Lösungen. Doch immer wieder muss ich aufgeben, denn es ist die Trägheit einer übersättigten Menschheit, die an Lösungen vorbeisieht, es sind die Kriege der Herren, die ihr eigenes Volk ausbeuten, es ist die persönliche Macht eines Despoten, die Anstrengungen schon in ihrem Keim zunichte schlagen. Da bin ich selber nur eine kleine Welle im grossen Ozean. Doch ich bin, ich bin hier, und hier möchte ich sein. Doch von der Reife, wie es Chaplin sagt, bin ich nur ein feuchter Hauch über den leisen Wellen des Ozeans.

Weiter schreibt er:

Als ich mich selbst zu lieben begann,

Habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,

Und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.

Heute mache ich nur das, was mir Spass und Freude macht,

Was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt,

auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.

Heute weiss ich, das nennt man Ehrlichkeit.

Vor fast einem Jahr bin ich in einer Vollmondnacht der Adventszeit nachgegangen und habe notiert: Während die Kälte noch tiefer in die Häuser dringt versucht ein voller Mond eine Ahnung von Licht und Wärme aufkommen zu lassen. Doch die stillstehenden Rauchschwaden gegen einen blassen Nachthimmel verstärken nur noch das Gefühl von Kälte. Auch wenn die Kälte eine Starre über die Stadt legt, sind es doch die vielen kleinen Kerzenlichter in den Fenstern, die eine Wärme verbreiten und ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Adventszeit ist Wärme in der kalten Jahreszeit. Adventszeit ist das Warten auf Veränderung; eine Vorbereitung auf die eigene Veränderung. Es gilt ein Paradox zu lösen: wie wird eine Vielfalt zu einer Einheit, einer Einheit, die ganz ist, eine Einheit, die nur noch sich selber ist, die ist. Diesen Weg versuche ich immer wieder zu gehen. Da diese eine Herausforderung so gross ist, genügen die wenigen Tage des Advents nicht, um im Eins-werden ganz zu werden. Im kleinen Gelingen aber liegt eine unglaubliche Befreiung, eine innere Freiheit, die weit über den Alltag hinaus ihre Strahlen wirft. Diesen Strahlen möchte ich folgen, möchte ihnen weiternachgehen, um dann auch immer wieder in dieser Freiheit neue Räume und Dimensionen zu entdecken. Doch all dies wäre eine vergebliche Reise, ein unbeholfener Weg, wenn man nicht gemeinsam sich nach diesen Freiheiten strecken würde. Jeder auf seine Art, doch verbunden im Suchen, verbunden im Zweifeln, verbunden aber auch in der Geborgenheit des gemeinsamen Findens.

Als ich mich selbst zu lieben begann,

Habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,

Von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen,

Und von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst,

Anfangs nannte ich das “Gesunder Egoismus”

Aber heute weiss ich, das ist Selbstliebe.

Als ich mich zu lieben begann,

Habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen,

so habe ich mich weniger geirrt.

Heute habe ich erkannt das nennt man Demut.

Ich habe mich auf eine neue Reise begeben, eine Reise ohne Ziel, ohne Aufgaben, eine Reise zum Jetzt. Diese Reise begann ich fast ohne es zu merken in meinen jungen Tagen. Sie hat mich tiefer und tiefer in die Erde geführt. Die Falten der Zeiten, die Strukturen der Wandlungen, die Mineralien der Überlagerung und Spuren der Menschwerdung habe ich in den Ablagerungen der Vergangenheit gefunden. Durch die Erforschung der Tiefe bin ich hinausgedrungen ins All, zur übergrossen Dimension, zu den Ebenmässigkeiten der Ewigkeiten. Weiteres vertiefen hat das Chaos der Überdimensionen gezeigt, die Verbundenheit zwischen dem ganz Grossen und dem unsichtbaren Kleinen. Eine neue Erkenntnis der letzten Jahre hat die veränderliche Wahrheit als eigenständiges Sehen entstehen lassen. So ist die ursprüngliche Suche nach Wahrheit einem Sehnen nach der Unschärfe in den chaotischen Erscheinungen gewichen und hat sich im Alltag breit gemacht. Dies hat mir gezeigt, dass meine Urteile und mein Suchen ganz alleine mein Verständnis und mein Finden umfasst. So versuche ich viel mehr jedem seine Wahrheit zuzugestehen und seither versuche nicht mehr zu urteilen, sondern nur noch zu verstehen.

Als ich mich selbst zu lieben begann,

Habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben

Und mich um meine Zukunft zu sorgen.

Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo Alles stattfindet,

So lebe ich heute jeden Tag und nenne es Bewusstsein.

Schon lange hat sich eine einfältige Nacht über das nahe Dorf gelegt, es ist ruhig geworden, die Stimmen sind nur noch aus unserem Lager. Es wird gesungen, getanzt, sogar die Trommel geschlagen. Diskussionen schwanken zwischen eintönigem hin und her und dann wieder kraftvollem Nachdruck. In vielen verschiedenen Sprachen werden die Stimmen doch sehr laut in der Nacht. Daneben ruht ein riesiges nepalesisches Dorf. Wir sind mitten drin. Gerade diese Mitte zu spüren gibt neuen Ansporn noch so spät in Gedanken dem eigen Denken nachzugehen. Ja, fast aus meiner Tradition heraus, meiner Herkunft, meiner Familie, habe ich übernommen, immer sehr viel zu denken. Meine Wissbegierde, meine Forschung nach Verborgenem, daher auch meine Geologie, mein Vortasten in fremde Zeiträume zurück bis zum Anfang der Erde, haben mich immer mit der Kunst über das Denken zu denken konforntiert. Heute wohl in ganz anderer Form als früher. Früher war es eher die naturwissenschaftliche Herausforderung, heute eher die Hingabe an noch Unerkanntes. Ich versuche immer mehr, das Denken dort zu lassen, wo es nicht meine Gefühle, nicht mein Empfinden, ja meine Empfindsamkeit für Andere unterbricht. So sind die nächtlichen Töne hier nur noch ein Spüren der wirklichen Nacht in diesem nepalesischen Dorf. Das langsame, immer ruhiger werdende Dorf meiner Umgebung wird zu meiner Wahrnehmung. Obwohl noch alleine beim Schreiben, bin ich nicht einsam in der ausklingenden Tageswahrnehmung dieser lichtlosen Nacht.

Noch auf dem Weg zu Chaplin, muss ich erkennen, dass ich noch manche späte Nächte brauchen werde, um seine Worte ganz aufnehmen zu können, denn er schreibt:

Als ich mich zu lieben begann,

Da erkannte ich, dass mich mein Denken

Armselig und krank machen kann.

Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte

Bekam der Verstand einen wichtigen Partner.

Diese Verbindung nenne ich heute Herzensweisheit.

Während ich lange der Sonne zwischen den wenigen Bäumen nachschaue und der Rauch aus den ärmlichen Häusern sich langsam und flach über die Dächer legt, krachen in den Strassen von Cairo immer noch die Jungen und Alten mit den steuernden Kräften zusammen und verbreiten Gestank und Verderben. Im frühen Sommer sind die Jungen auf die Strassen gestürmt, im Zentrum von Tunis, in den Zentren von Egypten, von Jemen, Syria, Lybia. Menschen haben sich verbrannt um die Welt zu wecken. Es schien, dass nur noch Gewalt unsere trägen Gedanken in Schwingungen bringen kann. Wir meinten zu verstehen, was vor sich ging in den Köpfen der kämpfenden Einheiten, doch konnten wir nie ihre Verzweiflung, ihre vergrabene Hoffnung erfassen. Vielleicht erst die Geschehnisse vor der eigenen Tür liessen uns für eine Weile erschreckt die Hände vom Alltäglichen nehmen und innehalten in einer übergreifenden Ungewissheit.

Doch die abschliessenden Worte von Chaplin geben mir eine ersehnte Gelassenheit:

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,

Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten,

Denn sogar die Sterne knallen manchmal aufeinander

Und es entstehen neue Welten

Heute weiss ich: das ist das Leben!

Auch für mich sind Sterne aufeinandergeprallt, sie haben meine Welt in Schwingungen gebracht. Es sind die Sterne meiner beruflichen Herausforderungen, es sind die Planeten meiner Beziehungen, es sind hie und da ein Komet von überstrahlendem Glück oder ein schwarzes energieaufsaugendes Loch in meinem All. Ich habe neue Dimensionen erleben dürfen und erleben müssen. Ich bin an den Grenzen entlanggegangen, den Grenzen meiner eigenen Wahrnehmung, meiner Gefühle, meiner Liebe. Noch sehe ich oftmals erschreckt oder staunend in die gewaltigen Energien der wandelnden Leben, die mich umgeben, die ein Teil meiner selbst sind. Noch versuche ich nur die adventliche Herausforderung zu erahnen, wie die Lebensenergien von der Dreifaltigkeit zur Einfaltigkeit verdichtet und durch mich auch wieder umgesetz werden können. Doch getrost darf ich auch mit Chaplin erkennen, dass der Kollaps und das Aufeinanderprallen dieser Dimensionen das wirkliche Leben sind.

Andreas KoestlerCharlie Chaplin’s Poem about Love – Nepal 2011